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Während in nahezu allen Branchen und Ländern dieser Erde darüber nachgedacht wird, wie die individuellen Wünsche eines einzelnen Kunden im Rahmen von Massenfertigungs-Prozessen so berücksichtigt werden können, dass individuelle Massenprodukte erstellt werden, ist die Weiterbildung nach wie vor dabei, das Individuum in die Masse zu stecken.

Seit der Idee des Lean Manufacturing, das in den 90’er Jahren den herausragenden Erfolg von Toyota ermöglichte, ist die perfekteLosgröße ein Einzelstück. Es wurde in vielen Untersuchungen gezeigt, dass kleinste Losgrößen und Prozessen, die viele Wiederholungen in der Erstellung der Einzelstücke ermöglicht, die besten Ergebnisse erzielt.

Auch in der Weiterbildung gab es vor einigen Jahrzehnten (oder Jahrhunderten) den Privatlehrer, der jeweils einzelne Schüler unterrichtete und als Dienstleister für die Eltern der Schüler auch für den Erfolg verantwortlich war. Die Qualität der Weiterbildung war dadurch naturgemäß sehr hoch – die Kosten leider auch.

Genau das hat sich dank der neuen Technologien heute geändert. Es ist möglich, einzelnen Lerner eine individuell abgestimmte Wissensvermittlung anzubieten. Es ist möglich, weil die Menge des vermittelbaren Wissens zwar riesig, aber immer noch abgrenzbar ist, weil die Anforderungen und Wissensbedarfe bestimmten Trends unterliegen uns sich hier auch sehr begehrte Themen herausbilden und Themen, die nur für eine kleine Gruppe interessant sind. Es ist auch möglich, weil wir inzwischen verschiedenste Medien entwickelt haben, um Wissen und auch die Wissensvermittlung zu speichern, zu konservieren und dann verfügbar zu machen, wenn sie benötigt werden. Wir haben Bücher, Audio-Beiträge, Video-Beiträge und interaktive Wissensvermittlungsmöglichkeiten, die jederzeit und überall abrufbar sind.

Der Trick ist, diese Angebote zu modularisieren in kleineste Lerneinheiten und sie bei Bedarf entsprechend zusammenzustellen. Die besondere Leistung ist damit eben nicht mehr die Wissensvermittlung an sich sondern der Prozess der Lernorganisation, der Zusammenstellung der individuell passenden und richtigen Lerneinheiten auf eine Weise, die es einem Nutzer ermöglicht, sich das neue Wissen auf die eigene Weise anzueignen, ohne Extra-Anstrengung für die ungewohnte Art der Vermittlung oder dem Lernprozess an sich – die Aufmerksamkeit bleibt beim Inhalt und nicht dem drum-herum.

Dies ist aber genau der Moment, an dem sich ein paar Spielregeln ändern:

1. Erstellung der Lerneinheiten

Die Erstellung der Wissensinhalte erfolgt für eine anonyme Zielgruppe in kleinen, in sich abgeschlossenen Lerneinheiten, es berücksichtigt die unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Lernstile der Nutzer. Es gibt eigentlich nur etwa 4-8 unterschiedliche Lernstile und 5 Wahrnehmungskanäle, und davon sind für die Mehrheit der Nutzer nie alle relevant. Die Herausforderung ist also überschaubar, sie muss aber getan werden.

2. Lernorganisation

Nicht mehr die Lehrenden bestimmen, was relevant ist, sondern die Lernenden. Es geht vor allem darum, Methoden und Werkzeuge zu entwickeln, die es ermöglichen, dass Lernende Ihre eigenen Ziele selbst erkennen und formulieren können. Hier kommen Pull-Elemente Zielgespräche, Ziele ermitteln oder auch Ziel-Coaching ebenso in Betracht wie Push-Methoden zur Kompetenzermittlung oder Wissensermittlung oder auch die Erfassung von Critical Incidents (kritischen Situationen, die größere Schwierigkeiten verursachen). Aufbauend auf diese Bedarfsermittlung können nun passende Bausteine in einen Lernpfad organisiert werden, die einen Lernerfolg und damit eine Zielerreichung aus sicht der Lernenden ermöglichen.

3. Wissensvermittlung

Die Wissensvermittlung wird nicht – wie bisher – durch die Lehrenden für die Mehrheit der Lerngruppe gesteuert, sondern von jedem einzelnen Lernenden selbst. Die Lernenden tragen selbst die Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess und bewerten ihren eigenen Fortschritt selbst im Hinblick auf die eigenen Ziele. Elemente zur Selbstreflexion wie Fragen, Checks, Selbst-Tests, Wissenstests und ähnliches helfen den Lernenden, sicherzustellen, dass Sie alles verstanden haben.

4. Soziale Interaktionen

Dieser Teil begleitet das Lernen, denn Lernprozesse sind keine Einbahstraße. Es muss Möglichkeiten geben, sich mit Mitlernern und Lehrenden auszutauschen, individuelle Fragen zu klären oder die Umsetzung in der eigenen Lebenswelt zu besprechen.

5. Lernertransfer

Was zählt ist nicht mehr die Aneignung von Wissen an sich, sondern vielmehr die Umsetzung des Gelernten, die Nutzung des Wissens in der eigenen Lebenswelt der Lernenden. Der Erfolg eines Trainings bestimmt sich nicht durch den Lernprozess und dessen Ergebnis sonderen einzig und allein durch das Ergebnis in der eigenen Welt. Erfolgreiche Lernprozesse führen zu einer für die Lernenden nachvollziehbaren Änderung in ihrer eigenen Welt – dem erreichen des jeweils eigenen Lernziels.

Mit diesem Denken – und der Idee, dass es möglich ist, individualisierte Wissensvermittlung für eine Masse von Menschen anzubieten – kann die heutige Pädagogik noch nicht allzuviel anfangen. Aber die ersten Versuche in die Richtung laufen bereits. Sie sind selten durch die Pädagogik initiiert und noch seltener durch die Wissenschaft an sich. Die neue Welt der Wissensvermittlung entsteht durch engagierte Individuuen, die sich Gedanken machen, wie sie selbst gerne lernen würden, oder wie sie anderen Menschen in ihrem Umfeld eine Wissensvermittlung ermöglichen können.

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